Technische Universität Wien
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Geschichte des ehemaligen Instituts für Chemische Technologie Anorganischer Stoffe

Das Polytechnische Institut (Vorläufer der TU Wien): Eröffnung am 6. November 1815
Direktor: Johann Josef Ritter von PRECHTL

Chemie: wurde 1815-1817 von PRECHTL betreut
Allgemeine technische Chemie: Benjamin Scholz
Spezielle technische Chemie: Paul Treugott Meissner
Chemische Technologie: J. Pohl (1856-1866)
1865 Auftrennung des bisherigen Instituts für Chemische Technologie in je eine Lehrkanzel für Chemische Technologie anorganischer und organischer Stoffe 

Institutsvorstände/Ordinarien für Chemische Technologie Anorganischer Stoffe seit 1866

H. Hlasiwetz  1866-1868        
A. Bauer  1868-1875Alexander Bauer. Foto, um 1890
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU
J. Oser  1876-1900
H. Jüptner von Johnsdorff  1901-1924© "150 Jahre techn. Hochschule", Wien, 1965
W.J. Müller  1925-1941
J. Nussbaum  1942-1945
M. Niessner  1945-1949
F. Liehl, E. Fitzer, K.G. Peters  1949-1950
H. Hohn  1950-1963© F. Habashi, Canada
R. Kieffer  1964-1975
B. Lux  1977-1998
W. Wruss  1998-2001

Institutszusammenlegung mit E151, E158 und E171 zum Institut 164  ab 2002

Die Geburtsstunde des Institutes für Chemische Technologie Anorganischer Stoffe schlug im Jahre 1865. Damals wurde im Zuge des Ausgestaltung des Polytechnischen Instituts zur Wiener Technischen Hochschule auch das bisherige Institut für Chemische Technologie in zwei Institute aufgespalten und je eine Lehrkanzel für Chemische Technologie anorganischer und organischer Stoffe geschaffen. Man trug damit der steigenden Bedeutung der Chemie in der aufblühenden Industrie der österreichischen Monarchie Rechnung.

Zum ersten Ordinarius der neugeschaffenen Lehrkanzel wurde im Jahre 1866 Heinrich HLASIWETZ berufen, der damit auch gleichzeitig zum Direktor des zugehörigen Instituts wurde. H. HLASIWETZ (geboren am 07.04.1826 in Reichenberg, gestorben 1875 in Wien) hatte an den Universitäten Jena, Wien und Prag studiert, hatte 1849 als Assistent an der Universität in Prag gewirkt und war 1851 einer Berufung an die Universität Innsbruck gefolgt. Von dort kam er 1866 nach Wien. Er befasste sich viel mit analytischen Problemen, hauptsächlich von Naturstoffen, und aus seiner Hand stammen über 100 Veröffentlichungen über Buchenteerkreosot, Harze, Gerbsäure, Phlorogluzin und alkaloide Zuckerarten (siehe auch de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hlasiwetz, de.wikisource.org/wiki/ADB:Hlasiwetz).

Sein Nachfolger Alexander BAUER (geboren 1836 in Altenburg, gestorben 1921 in Wien) wurde im Jahre 1869 zum Professor für Chemische Technologie ernannt, vertauschte diese Lehrkanzel aber schon im Jahre 1876 mit jener für Allgemeine Chemie. A. BAUER hatte über Anraten MEISSNERs am Polytechnischen Institut und an der Universität Wien studiert, war bereits 1856 Assistent bei SCHRÖTTER und hatte vor seiner Habilitierung im Jahre 1861 einige Zeit in Paris gearbeitet. Auch er beschäftigte sich wie HLASIWETZ hauptsächlich mit analytischen Problemen, vielleicht auch deshalb, weil im Rahmen des damaligen Instituts die Durchführung anspruchsvollerer technologischer Arbeiten gar nicht möglich war. Neben zahlreichen chemischen Abhandlungen verfasste er auch Schriften über die Geschichte der Chemie (weitere Details siehe auch http://www.rudolf-werner-soukup.at/Publikationen/Dokumente/AuerWelsbachsLehrer/AkademievortragAuer.pdf), er trat für die Verbreitung allgemein verständlicher wissenschaftlicher Vorträge ein und gehörte überhaupt zu den namhaften Förderern der Volksbildung. Seine wichtigsten Werke waren Werke "Chemie und Alchemie in Österreich", 1885 und "Die ersten Versuche zur Einführung der Gasbeleuchtung in Österreich", 1891. Carl Auer von Welsbach war im Übrigen einer seiner Schüler.

J. OSER (geboren 1833 in Grafenegg, gestorben 1912 in Vöslau) übernahm im Jahre 1876 die vakante Lehrkanzel. Seine Interessen erstreckten sich mehr auf das Gebiet der organischen Chemie. Unter seiner Leitung wurde über die Propylenoxyddarstellung, die Alkoholgärung und die Gallussäure gearbeitet, von ihm stammt auch ein einst weitverbreiteter Ofen zur Elementaranalyse. Seine Ausbildung hatte er an der Forstakademie in Mariabrunn, am Polytechnischen Institut, an den Universitäten Wien und Paris erhalten und hatte im Jahre 1865 bei SCHRÖTTER als Assistent gearbeitet.

Unter der Leitung von Hans JÜPTNER v. JOHNSDORFF (geboren 1853, gestorben 1941 in Wien) erfuhr das Institut eine wesentliche Ausgestaltung und Erweiterung. JÜPTNER v. JOHNSDORFF war eine außerordentlich repräsentative Persönlichkeit und von großem Einfluss auf die sich langsam entfaltende Industrie der alten Monarchie. Er hatte an der Technischen Hochschule Wien studiert, arbeitete dann als Chefchemiker bei der Alpinen Montangesellschaft in Neuberg, ab 1894 in Donawitz und las als Privatdozent an der Bergakademie in Leoben. Im Jahre 1901 folgte er einem Ruf an die Technische Hochschule Wien, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1924 wirkte. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen technologischen und wissenschaftlichen Charakters verfasst, von ihm stammen auch bekannte Werke über physikalische Chemie, Metallurgie und technische Feuerungen. Dass seine Bedeutung in der wissenschaftlichen Welt nicht verkannt wurde, kann man an der Zahl der Berufungen erkennen, welche aus allen Teilen der Welt, aus Tokio, Christiania, Clausthal und Freiberg an ihn ergingen.

Im Jahre 1925 übernahm der aus der Schweiz stammende Technologe Wolf Johannes MÜLLER (geboren 1874 in Olten, Schweiz, gestorben 1941 in Wien) Institut und Lehrkanzel. W. J. MÜLLER hatte in Freiburg i. B. und Straßburg studiert und wirkte nach kurzer Assistententätigkeit in Münster i. W. als Privatdozent an der Universität in Freiburg, von wo er im Jahre 1903 nach Mühlhausen i. E. übersiedelte und an der städtischen Chemieschule lehrte. In den Jahren 1911 und 1926 leitete er die Anorganische Abteilung der Bayerwerke in Leverkusen. Nach seiner Berufung nach Wien konnte er aufgrund seiner Verbindungen mit der schöpferisch und materiell überlegenen deutschen Großindustrie wertvollste Anregungen geben. Unter seiner Leitung wurde in den Jahren 1927 bis 1930 das Institut nicht nur neu eingerichtet, sondern in der großzügigsten Weise sowohl räumlich als auch apparativ ausgestattet, so dass es als eines der besten technologischen Institute Europas gelten konnte. W. J. MÜLLER und seine Mitarbeiter, von denen viele eigenes wissenschaftliches Ansehen erringen konnten, stellten unter anderem umfangreiche Forschungen über die Passivität und Korrosion von Metallen an und veröffentlichten auf diesem Spezialgebiet allein über 120 Abhandlungen. Gemeinsam mit H. KÜHNE, dem späteren Vorstandsmitglied der I. G. Farbenindustrie, entwickelte W. J. MÜLLER das nach ihnen benannte und seither in die chemische Großindustrie eingeführte Gipsschwefelsäureverfahren. Unter MÜLLERs Leitung wurde unter anderem auch das nasse Aufschlussverfahren für kieselsäurearme Bauxite unter Verwendung von Karbonatlösungen (Müller-Hiller-Verfahren) und das vor allem für flotierte Pyrite gedachte Staubröstverfahren nach HILLER entwickelt. In seiner Eigenschaft als Supplent des benachbarten und organisatorisch eng angeschlossenen Instituts für Technologie der Brennstoffe (1927 bis 1941) schrieb W. J. MÜLLER zusammen mit E. GRAF sein weitverbreitetes Buch über Technologie der Brennstoffe.

Nach dem Tode MÜLLERs (1941) wurde die bisher stetige Entwicklung des Institutes für einige Zeit unterbrochen. Als Supplenten leiteten zunächst J. NUSSBAUM (1942 bis 1945) und der langjährige Mitarbeiter MÜLLERs, M. NIESSNER, das Institut.

M. NIESSNER wurde 1948 zum Ordinarius und Institutsvorstand ernannt, starb jedoch kaum ein Jahr später eines plötzlichen und tragischen Todes. M. NIESSNER (geboren 1899 in Wien, gestorben 1949 in Wien) hatte an der Technischen Hochschule Wien studiert, wo er auch 1923 zum Dr. techn. promoviert wurde). Er ist der Fachwelt vor allem durch die von ihm ausgearbeiteten Schnellprüfverfahren zur Bestimmung von Legierungsbestandteilen bekannt geworden, mit welchen er mikrochemische Methoden in die Metallkunde einführte. Hier seien nur der nach ihm benannte "Nießer-Abdruck" zur Identifizierung von eisenoxydischen Einschlüssen und seine Arbeiten über die Silizierung von Metalloberflächen erwähnt.

Nach NIESSERs Tod übernahmen im Jahre 1949 zunächst die Institutsassistenten F. LIHL und E. FITZER, später der Verfahrenstechniker und Brennstofftechnologe K. G. PETERS die provisorische Leitung des Instituts.

Im Frühjahr 1950 wurden Lehrstuhl und Institut H. HOHN anvertraut. H. HOHN, ein gebürtiger Wiener, studierte an der Universität Wien, wo er im Jahre 1930 promovierte und als Assistent bei R. WEGSCHEIDER und H. MARK (1930 bis 1934) arbeitete. Nach kurzer Assistententätigkeit bei E. LANGE in Erlangen wirkte er in den Jahren 1935 bis 1944 bei LEYBOLD in Köln, bei der Duisburger Kupferhütte und bei der I. G. Farbenindustrie AG. Nach Kriegsende kehrte er wieder nach Wien zurück, wo er bei der Donau-Chemie AG und als beratender Chemiker des Ministeriums für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung tätig war. Auch nach seiner Berufung an die Technische Hochschule Wien stellte H. HOHN seine industriepolitischen Erfahrungen weiterhin dem ERP-Büro und dem Ministerium für verstaatlichte Industrie zur Verfügung. Seine Verbindungen zur Industrie kamen in vieler Hinsicht auch dem Institut zugute und vermittelten dem wissenschaftlichen Leben neue Impulse.

Seit dem Jahr 1958 übte H. HOHN neben seiner Tätigkeit an der Technischen Hochschule auch das Amt eines Vorstandsmitgliedes bei den Österreichischen Stickstoffwerken AG Linz aus und schied im Jahre 1963 vollends von der Hochschule. Der Name H. HOHN ist in Fachkreisen in Verbindung mit den Begriffen "Amalgammetallurgie" und "Erzchlorierung" bekannt geworden. Unter seiner Leitung ist am Institut an der Entwicklung von Verfahren zur amalgammetallurgischen Gewinnung von duktilem metalloidfreiem Titan und Zirkonium sowie von reinstem Eisen, Nickel und Mangan über die Amalgame dieser Metalle gearbeitet worden.

Als Nachfolger von H. HOHN konnte der bekannte Pulvermetallurge und Hartmetallfachmann Richard Andreas KIEFFER gewonnen werden. R. KIEFFER (geb. 1905 in Offenbach am Main) hat 1923 - 1928 in Freiburg i. B. und Frankfurt/Main studiert, unter anderem auch bei MAGNUS und SIEVERTS, und promovierte im Jahre 1928.

Er war Assistent bei LORENZ und HAHN und trat nach kurzer Tätigkeit bei den Bayrischen Metallwerken Dachau im Jahre 1930 in die Metallwerke Plansee AG, Reutte/Tirol, ein. Dort war R. KIEFFER als enger technischer und wissenschaftlicher Mitarbeiter von Hon.-Prof. Dr. Ing. Paul SCHWARZKOPF und als Vorstandsmitglied der Metallwerke Plansee AG tätig und damit maßgeblich an Entwicklung und Ausbau neuer Sinterwerkstoffe beteiligt. Die langjährige wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Prof. Dr. G. HÜTTIG, Prof. Dr. H. NOWOTNY, Doz. Dr. F. BENESOVSKY u.v.a. hat in über 125 Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Pulvermetallurgie und in 6 Fachbüchern ihren Niederschlag gefunden. Sichtbare Anerkennung für wissenschaftliche Verdienste R. KIEFFERs um die Pulvermetallurgie brachte schließlich die Ernennung zum Honorarprofessor durch die Universität Wien im Jahre 1960 und die Berufung an die Technische Hochschule Wien, der R. KIEFFER 1964 Folge leistete.

Auch in seinem neuen Wirkungskreis ist Prof. KIEFFER seiner Neigung zu den hochschmelzenden Metallen und Hartstoffen treu geblieben. Er folgt damit dem Ruf nach Werkstoffen für extreme Bedingungen, der an der Schwelle des Raumfahrtzeitalters immer dringender wird.

Nach R. KIEFFER wurde Benno LUX an das Institut berufen, der bei Battelle in Genf als Experte für Erstarrung von Legierungen, Gusseisen und Chemische Gasphasenabscheidung (CVD) tätig war. B. LUX (geb. 1930 in Burgau / Steiermark) studierte and der Technischen Hochschule in Graz das Fach Technische Chemie und wurde 1954 Diplomingenieur. Seine Dissertation führte er als Werkstudent im Metallwerk Plansee unter der wissenschaftlichen Betreuung von G. HÜTTIG, Prof. Dr R. KIEFER, Doz. Dr. F. BENESOVSKY und Prof. Dr. H. NOWOTNY durch. Mit dem Dissertationsthema "Das Verhalten metallreicher hochschmelzender Silicide gegenüber Bor, Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff" promovierte B. Lux 1956 zum Doktor der technischen Wissenschaften.

Nach seiner Dissertation wechselte B. Lux zum Battelle Memorial Institut nach Genf wo er 20 Jahre lang auf dem Gebiet der Metallurgie und Werkstofftechnik arbeitete. Während dieser Zeit konnte er sich auch am Institut für chemische Technologie anorganischer Stoffe mit der Arbeit "Theorie der Keimbildung bei der Erstarrung metallischer Schmelzen" habilitieren.

Nachdem B.Lux 1977 den Ruf an die Technische Hochschule Wien angenommen hatte, baute er seine Forschungsinteressen weiter aus. Aufgrund seiner ausgezeichneten Industriekontakte wurden Gusseisenprojekte (Tiroler Röhrenwerke), Wolframpulver und Hartmetallprojekte (Wolframhütte Bergla, sowie ein internationales Firmenkonsortium), Keramikprojekte (Sandvik) und Hartstoffbe­schichtungs­projekte (Sandvik, Walter Hartmetall, Mitsubishi, Plansee, ...) durchgeführt. Projekte zur Niederdruck-Diamantsynthese wurden von Sandvik, Balzers, Sumitomo und dem FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) gefördert. Die Forschungstätigkeit von B. LUX ist in über 300 Publikationen und zahlreichen Buchbeiträgen dokumentiert.

Auch nach seiner Emeritierung mit Oktober 1998 verfolgte B. LUX mit Interesse die Forschungstätigkeiten seiner Arbeitsgebiete (Beschichtungstechnologien und Metallurgie).

Werner WRUSS wurde nach der Emeritierung von B. Lux zum Institutsvorstand gewählt. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit den Fachgebieten keramische Werkstoffe, Korrosion, Recycling von Wertstoffen und Umweltanalytik.

Nach der Zusammenlegung des Instituts 161 mit den Instituten 151, 158 und 171 entstand am 1. Jänner 2002 das neue "Institut für Chemische Technologien und Analytik" (Inst. 164).